Der Nationalpark Hainich in Thüringen zählt zu den bedeutenden zusammenhängenden Laubwaldgebieten Deutschlands. Seine ausgedehnten Buchenwälder bieten zahlreichen Wildtierarten einen geeigneten Lebensraum. Dazu gehört auch das Wildschwein (Sus scrofa), dessen Anpassungsfähigkeit und ausgeprägtes Sozialverhalten es zu einem wichtigen Bestandteil des Waldökosystems machen.
Besonders interessant ist die Lage des Nationalparks innerhalb einer intensiv landwirtschaftlich genutzten Kulturlandschaft. Während die Wälder Schutz, Ruhe und natürliche Nahrungsquellen bieten, stehen auf den angrenzenden Feldern saisonal zusätzliche Ressourcen zur Verfügung. Dieses Zusammenspiel beeinflusst die Raumnutzung der Wildschweine und stellt Landwirtschaft, Naturschutz und Wildmanagement vor besondere Herausforderungen.
Ein mehrjähriges Forschungsprojekt von 2016 bis 2019 beschäftigte sich deshalb mit der Entwicklung und Raumnutzung des Schwarzwildbestandes im Nationalpark Hainich und dessen landwirtschaftlich geprägtem Umfeld.
Der Hainich liegt am westlichen Rand des Thüringer Beckens und ist durch großflächige Laubwälder geprägt. Besonders die Buchenbestände bestimmen das Landschaftsbild. Daneben kommen weitere Baumarten wie Eichen vor, deren Früchte für viele Wildtiere eine wichtige Nahrungsgrundlage darstellen.
Wildschweine profitieren von den unterschiedlichen Strukturen innerhalb des Waldgebietes. Dichter Unterwuchs, natürliche Verjüngungsflächen und geschützte Rückzugsorte ermöglichen es den Tieren, geeignete Aufenthaltsbereiche zu finden.
Bucheckern und Eicheln gehören zu den energiereichen natürlichen Nahrungsquellen des Schwarzwildes. Besonders in sogenannten Mastjahren, wenn Buchen und Eichen große Mengen an Samen beziehungsweise Früchten produzieren, verbessern sich die Bedingungen für die Nahrungssuche erheblich.
Die Verfügbarkeit dieser Ressourcen kann Auswirkungen auf das Verhalten, die räumliche Verteilung und den Ernährungszustand der Tiere haben.
In Jahren mit geringer Baummast gewinnen andere Nahrungsquellen an Bedeutung. Wildschweine suchen dann verstärkt nach Wurzeln, Knollen, Wirbellosen und weiteren pflanzlichen oder tierischen Bestandteilen.
Die unmittelbare Nachbarschaft von Waldflächen und landwirtschaftlich genutzten Gebieten ist ein charakteristisches Merkmal des Hainich.
Während die Tiere tagsüber häufig geschützte Bereiche aufsuchen, können sie vor allem während der Dämmerung und in der Nacht offene Flächen zur Nahrungssuche nutzen.
Dabei spielt die Jahreszeit eine wesentliche Rolle. Hohe Feldfrüchte bieten zeitweise sowohl Nahrung als auch Deckung. Nach der Ernte verändert sich die Landschaft deutlich, wodurch sich auch die Bewegungsmuster der Wildschweine verschieben können.
Wildschweine besitzen eine ausgeprägte soziale Organisation. Weibliche Tiere und ihre Nachkommen leben überwiegend in Gruppen, die als Rotten bezeichnet werden. Erwachsene Keiler halten sich dagegen häufig allein auf.
Die soziale Struktur beeinflusst sowohl die Nutzung verschiedener Lebensräume als auch die Fortpflanzung und Weitergabe von Erfahrungen innerhalb der Population.
Eine typische Rotte besteht aus mehreren miteinander verwandten weiblichen Tieren und deren Nachwuchs. Innerhalb der Gruppe können erfahrene Bachen eine wichtige Rolle bei der Wahl geeigneter Aufenthaltsorte und Nahrungsflächen übernehmen.
Jungtiere profitieren vom gemeinsamen Schutz und von der Erfahrung älterer Gruppenmitglieder.
Die Gruppengröße ist nicht konstant. Sie hängt unter anderem von der Verfügbarkeit geeigneter Lebensräume, der Jahreszeit und der Zusammensetzung der Population ab.
Wildschweine gelten als anpassungsfähige Tiere, deren Aktivitätszeiten stark von den jeweiligen Umweltbedingungen beeinflusst werden.
In wenig gestörten Gebieten können sie auch tagsüber aktiv sein. In Landschaften mit intensiver menschlicher Nutzung verlagern sie einen größeren Teil ihrer Aktivitäten häufig in die Nacht.
Weitere Einflussfaktoren sind:
Das Nahrungsangebot innerhalb und außerhalb des Waldes.
Die Witterungsbedingungen und die jeweilige Jahreszeit.
Die Anwesenheit von Menschen und mögliche Störungen.
Die Verteilung geeigneter Ruhe- und Rückzugsräume.
Die soziale Zusammensetzung der jeweiligen Rotte.
Diese Faktoren wirken zusammen und können dazu führen, dass sich das Verhalten einzelner Gruppen innerhalb desselben Untersuchungsgebietes unterscheidet.
Das Wildschwein ist ein Allesfresser mit einem vielseitigen Nahrungsspektrum. Die Tiere nutzen sowohl pflanzliche als auch tierische Nahrungsquellen und passen ihre Nahrungssuche an das verfügbare Angebot an.
Im Hainich ist insbesondere das Verhältnis zwischen natürlichen Ressourcen des Waldes und den Kulturpflanzen angrenzender Landwirtschaftsflächen von Bedeutung.
| Jahreszeit | Häufig genutzte Nahrungsquellen | Bedeutung für die Raumnutzung |
|---|---|---|
| Frühling | Wurzeln, Knollen, Regenwürmer und weitere Wirbellose | Intensive Nahrungssuche auf geeigneten Wald- und Offenlandflächen |
| Sommer | Pflanzliche Nahrung, Wirbellose und landwirtschaftliche Kulturen | Saisonale Nutzung von Feldern und deckungsreichen Bereichen |
| Herbst | Bucheckern, Eicheln und weitere Waldfrüchte | Erhöhte Bedeutung masttragender Laubwälder |
| Winter | Verfügbare Waldfrüchte, Wurzeln und andere erreichbare Nahrung | Stärkere Abhängigkeit von Witterung und Nahrungsverfügbarkeit |
Die Tabelle beschreibt allgemeine ökologische Zusammenhänge. Welche Nahrungsquellen im Einzelfall tatsächlich genutzt werden, hängt von den lokalen Bedingungen und dem jeweiligen Jahr ab.
Die Samenproduktion von Buchen und Eichen schwankt zwischen den Jahren teilweise erheblich.
In besonders ertragreichen Mastjahren finden Wildschweine große Mengen energiereicher Nahrung. Ein verbessertes Nahrungsangebot kann sich günstig auf die körperliche Verfassung und unter bestimmten Bedingungen auf den Fortpflanzungserfolg auswirken.
Die Auswirkungen auf die Bestandsentwicklung lassen sich allerdings nicht allein aus der Mast ableiten. Auch Witterung, Krankheiten, Sterblichkeit und menschliche Eingriffe spielen eine Rolle.
Die Populationsentwicklung des Schwarzwildes wird von verschiedenen biologischen und ökologischen Faktoren bestimmt. Dazu gehören die Zahl fortpflanzungsfähiger Tiere, die Überlebensrate der Jungtiere und die Verfügbarkeit ausreichender Nahrung.
Ein gutes Nahrungsangebot kann die Fortpflanzungsbedingungen verbessern. Gleichzeitig können Krankheiten, ungünstige Umweltbedingungen oder Veränderungen des Lebensraumes die Entwicklung eines Bestandes beeinflussen.
Wildschweinbachen bringen ihre Jungen in geschützten Bereichen zur Welt. Vor der Geburt legen sie häufig ein Wurfnest an, das dem Nachwuchs Schutz bietet.
Die Jungtiere werden als Frischlinge bezeichnet und sind an ihrer charakteristischen gestreiften Fellzeichnung zu erkennen.
Während der ersten Lebensphase sind sie auf die Versorgung und den Schutz der Mutter angewiesen. Mit zunehmendem Alter beteiligen sie sich immer stärker an der gemeinsamen Nahrungssuche.
Die Fortpflanzungsleistung hängt unter anderem vom Alter, der körperlichen Entwicklung und dem Ernährungszustand der weiblichen Tiere ab.
Eine genaue Erfassung frei lebender Wildschweine stellt die Wildtierforschung vor besondere Herausforderungen.
Die Tiere nutzen große und teilweise schwer zugängliche Gebiete, bewegen sich häufig nachts und sind nicht jederzeit direkt zu beobachten.
Deshalb reichen einzelne Sichtungen oder Jagdstrecken nicht aus, um die tatsächliche Populationsgröße zuverlässig zu bestimmen.
Für wissenschaftliche Untersuchungen werden unterschiedliche Methoden kombiniert, um belastbarere Einschätzungen zu ermöglichen.
Zwischen Oktober 2016 und Dezember 2019 wurde im Hainich ein Forschungsprojekt zur Entwicklung und Raumnutzung des Schwarzwildbestandes durchgeführt.
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Wildschweine die unterschiedlichen Lebensräume des Nationalparks und der angrenzenden Landwirtschaftsflächen nutzen.
Untersucht werden sollten unter anderem Veränderungen der Bestandsgröße, Wanderungsbewegungen einzelner Tiere und Rotten sowie mögliche Auswirkungen der Landnutzung und des Wildmanagements.
Bei der Telemetrie werden ausgewählte Wildtiere mit Sendern ausgestattet, die ihre Aufenthaltsorte über einen bestimmten Zeitraum erfassen.
Die gewonnenen Positionsdaten ermöglichen es, Bewegungsmuster und die Nutzung verschiedener Landschaftsbereiche zu untersuchen.
Im Rahmen des Hainich-Projektes wurden Wildschweine mit GPS-Halsbändern besendert. Am 2. März 2018 waren laut damaligem Projektstand zwölf Tiere mit Sendern ausgestattet, darunter sechs weibliche und sechs männliche Wildschweine.
Solche Untersuchungen können helfen, wichtige Rückzugsbereiche, regelmäßig genutzte Wege und räumliche Verbindungen zwischen Wald und Offenland zu erkennen.
Neben der Telemetrie spielte auch das Fotofallen-Monitoring eine Rolle.
Automatisch auslösende Wildkameras dokumentieren Tiere, die bestimmte Standorte passieren. Die Aufnahmen liefern Informationen über die Anwesenheit und Aktivität von Wildschweinen.
Im Hainich-Projekt wurden Fotofallenbilder unter anderem für wissenschaftliche Untersuchungen zur Bestandsschätzung ausgewertet.
Ein weiterer Bestandteil der Forschung war die Kotgenotypisierung. Dabei werden genetische Informationen aus Kotproben untersucht, um Rückschlüsse auf einzelne Tiere und die Zusammensetzung eines Bestandes zu ermöglichen.
Die Kombination mehrerer Erhebungsmethoden kann die Aussagekraft der wissenschaftlichen Auswertung verbessern.
Die räumliche Nähe zwischen Waldgebieten und landwirtschaftlichen Nutzflächen führt regelmäßig zu unterschiedlichen Interessen.
Aus ökologischer Sicht sind Wildschweine natürliche Bestandteile der heimischen Tierwelt. Gleichzeitig können ihre Aktivitäten erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen auf landwirtschaftliche Betriebe haben.
Typische Schäden entstehen beispielsweise durch das Aufbrechen von Grünland bei der Nahrungssuche oder durch die Nutzung angebauter Feldfrüchte.
Im südlichen Bereich des Hainich wurde mit der Ausweisung des Nationalparks ein besonderes Wildmanagement etabliert.
Nach den Angaben des ursprünglichen Forschungsprojektes bestand eine etwa 3.300 Hektar große Wildruhezone, in der die Jagd ganzjährig ruhte.
Für die wissenschaftliche Untersuchung war diese Besonderheit wichtig, weil sich dadurch unterschiedliche Bedingungen innerhalb und außerhalb des Schutzgebietes betrachten ließen.
Die damalige Regelung ist Teil des historischen Projektkontextes und sollte nicht ohne aktuelle Prüfung als heutiger Rechts- oder Managementstand verstanden werden.
Ein nachhaltiger Umgang mit Wildschäden erfordert die Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren.
Dazu gehören beispielsweise die Lage besonders gefährdeter Flächen, die saisonale Entwicklung landwirtschaftlicher Kulturen und die Wanderungsbewegungen der Tiere.
Mögliche Handlungsansätze umfassen:
Die frühzeitige Erkennung besonders gefährdeter Landwirtschaftsflächen.
Den gezielten Einsatz geeigneter Schutzmaßnahmen wie Wildschutzzäunen.
Die Abstimmung zwischen Landwirtschaft, Jagdausübungsberechtigten und Naturschutz.
Die Nutzung wissenschaftlicher Beobachtungsdaten für das regionale Wildmanagement.
Die regelmäßige Bewertung der Wirksamkeit bereits umgesetzter Maßnahmen.
Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt von den örtlichen Gegebenheiten und den geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen ab.
Wildschweine beeinflussen ihre Umwelt nicht ausschließlich durch die Nahrungssuche. Beim Wühlen lockern sie den Boden auf, bewegen organisches Material und verändern kleinräumig die Vegetationsstruktur.
Dadurch können neue Keimbedingungen entstehen und unterschiedliche Bodenbereiche freigelegt werden.
Die Auswirkungen sind jedoch nicht grundsätzlich positiv oder negativ. Sie hängen von der Intensität der Aktivitäten sowie von den jeweiligen Standortbedingungen ab.
Mit ihrem kräftigen Rüssel durchsuchen Wildschweine die oberen Bodenschichten nach Nahrung. Dabei entstehen charakteristische Wühlflächen.
Diese können die Bodenoberfläche verändern und die Entwicklung einzelner Pflanzenarten beeinflussen.
In naturnahen Waldökosystemen gehören solche Prozesse zur natürlichen Dynamik. Bei besonders intensiver Nutzung empfindlicher Bereiche können jedoch auch Beeinträchtigungen auftreten.
Das Wildschwein verdeutlicht, wie eng ökologische Prozesse und menschliche Landnutzung miteinander verbunden sind.
Seine hohe Anpassungsfähigkeit ermöglicht es der Art, verschiedene Lebensräume zu nutzen. Gleichzeitig können Konflikte entstehen, wenn sich natürliche Bewegungsräume mit wirtschaftlich genutzten Flächen überschneiden.
Ein differenziertes Verständnis der Lebensweise und Raumnutzung bildet deshalb eine wichtige Grundlage für sachliche Entscheidungen im Naturschutz und Wildmanagement.
Der Nationalpark Hainich bietet durch seine ausgedehnten Buchenwälder und die angrenzenden Landwirtschaftsflächen besondere Voraussetzungen für die Untersuchung von Wildschweinen.
Das Nebeneinander von geschützten Waldlebensräumen und intensiv genutztem Offenland macht deutlich, wie stark das Verhalten der Tiere von natürlichen Ressourcen und menschlichen Einflüssen geprägt wird.
Das von 2016 bis 2019 durchgeführte Schwarzwild-Forschungsprojekt setzte sich mit wichtigen Fragen zur Bestandsentwicklung, Raumnutzung und Schadensvermeidung auseinander.
Die Beschäftigung mit diesen Zusammenhängen bleibt auch über den ursprünglichen Projektzeitraum hinaus relevant. Wissenschaftliche Untersuchungen können dazu beitragen, ökologische Anforderungen und die Interessen der Landwirtschaft besser miteinander in Einklang zu bringen.
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